Mittwoch, 1. Juni 2011
Ich bin so ein guter Mensch…
Meinen Sabber habe ich gegeben für 9(! )Postkarten, die Morgen hoffentlich Tyunga verlassen. Auf dass sie auch alle an ihrem Ziel ankommen! Ansonsten geht es mir recht gut, obwohl sich mein Gemütszustand gestern wohl am besten mit Stromberg(Christoph Maria Herbst) beschreiben lässt: „ Es gibt so Tage, da hat man ja November im Kopf!“ Wobei das meteorologische Äquivalent zum deutschen November hier der Mai ist, wie passend.

Von komischen Träumen geplagt, die mich an meine hügelige Heimat mit den schönen Bäumen erinnerten, wachte ich auf, erblickte den grauen Himmel und wäre am liebsten den ganzen Tag im Bett geblieben. Armer Petterson! Nur, dass ich nicht mal über einen Findus verfüge…

Wie auch immer, es half alles nichts. Ich hatte einen Tag frei, da es am Sonntag geregnet hatte und wir demenstprechend nicht weiter Baumwolle ernten konnten, was wir am Freitag angefangen hatten. Also stand ich auf, und machte einen Plan für den Tag. Ich putzte, marinierte Fleisch für heute und ging einkaufen. Desperate Housewife sozusagen…Zu allem Überfluss plagten mich immer noch meine mysteriösen Rückenschmerzen, die ich seit ein paar Tagen habe, die sich aber langsam zu bessern scheinen. Mysteriös deshalb, weil ich nicht weiss, woher sie kommen und wie ich mir Linderung verschaffen kann. Ganz komisch ist auch ihr Ort…heute hier , morgen dort. Stetig sind sie nur im rechten Lendenwirbelbereich. Vielleicht ist unter euch ja ein professioneller Hypochonder, der mir sagen kann worunter ich leide!

Zum Einkaufen fuhr ich nach Pittsworth, wo ich auch gleich zur Bücherei(!) ging um das von mir bestellte Buch abzuholen. Dort erwartete mich eine positive Überraschung. Und zwar sprach der zuständige Mitarbeiter beim Aushändigen meiner Mitgliedskarte meinen Nachnamen richtig aus : KÖpke! 8 Monate habe ich darauf warten müssen. Das Rätsel löste sich im weiteren Gesprächsverlauf: Er hatte wohl einige Zeit in Freiburg im Breisgau gelebt und konnte deswegen ein bisschen Deutsch. Er war sogar mal in Hameln um sich das Glockenspiel und den anderen touristischen Schmökes anzutun. Als wir beim Abschied auf das Wetter zu sprechen kamen, sagte er „bedeckt“ und daraufhin, wie komisch es doch wäre, was für Wörter manchmal hängen bleiben… In der Tat…

Um den Tag nicht in trostloser Einsamkeit abzuschließen, spielte ich nachmittags noch ein wenig Fußball mit Jack, welches der sechsjährige Sohn von Bob ist. Da ich schon lange nicht mehr gespielt hatte, verlor ich das Spiel gegen ihn mit 12:6. ;) Bob hält zwar nicht allzuviel vom Fußball spielen, aber als er mich einmal den Ball hochhalten(mit den Füßen jonglieren) sah, meinte er doch anerkennend: „ You got pretty quick feet, dschooodsch!“ Wenn ich ein Indianer wäre, würde ich also „Schneller Fuß“ heißen…nicht schlecht und allemal besser als „brennende Tüte“! :)

Dann will ich mal noch ein wenig von meiner Arbeit erzählen, die die letzten zwei Wochen erledigt habe. Die ersten Tage verbrachte ich damit die Wege um die Baumwollfelder schon eben zu machen. Das geschah mit folgendem Gerät, welches sich „Box-Leveler“ schimpft.






Eigentlich hatte ich nach einem Tag schon genug, aber zum Glück saß ich auf dem 7930, welches der modernste Trecker hier ist. Der ist ein prima Typ und ich werde ihn euch vorstellen.



Er verfügt überKlimaanlage, Radio und einen „Activeseat“ , welcher sich insofern von einem normalen gefederten Sitz unterscheidet, dass er der Auf bzw. Abbewegung entgegenwirkt, indem der Sitz blitzschnell runter bzw. hoch gepresst wird und man so vom „Schaukeln“ oder Rütteln kaum etwas mitbekommt.

Außerdem hat er ein stufenloses Getriebe, das nur über einen kleinen, unscheinbaren Schalthebel verfügt, mit dem man seine Geschwindigkeit auswählt. Vorbei also die Zeiten, bei denen man sich mit bis zu drei Schalthebeln herumschlagen muss. Man kann mit diesem Wunderhebel seine Geschwindigkeit von 50m/h bis zu 42km/h vorwählen.

Die Kupplung wird theoretisch auch nicht mehr benötigt, da man am Lenkrad einen kleinen Hebel hat, mit dem man zwischen P (Parken), N (Neutral), sowie Vorwärts und Rückwärts auswählen kann automatisch gekuppelt wird, sobald man einen Fahrmodus auswählt. Schaltet man den Hebel während der Fahrt zwischen Vorwärts und Rückwärts ist er nicht im Neutralberich sondern er wird der Schlepper sanft aber bestimmt zum Stillstand gebracht.

Das stufenlose Getriebe ermöglicht zu beschleunigen/langsamer zu werden ohne die Drehzahl zu verändern und anders herum( gleiche Geschwindigkeit und veränderte Drehzahl). Man kann aus vier verschiedenen Getriebevoreinstellungen wählen, die automatisch, falls möglic,h die Drehzahl runter regeln ohne die vorgegebene Geschwindigkeit zu ändern und die da sind:

Normal: Der Schlepper läuft bei der Drehzahl, welche durch das (Hand)Gaspedal vorgegeben wird.

Zapfwellenbetrieb:(Die Zapfwelle ist das der kleine Stummel, der hinten am Trecker rausguckt und den man eine Welle befestigen kann , die bei gewissenhaften Bauern mit einer gelben Plastikschützhülle umgeben ist. Auf diese Art kann man eine Drehbewegung/Kräfte auf Anbaugeräte übertragen um diese anzutreiben(zB eine Kreiselegge), was den englischen Begriff erklärt: PTO- Power Take Off .) In diesem Modus wird die Drehzahl möglichst so reduziert, dass sich die Zapfwelle mit 1060 Umdrehungen/Minute dreht. Das macht zwar nur einen kleinen Unterschied zum „Normal-Modus“ aus, ist aber schon spürbar.

Zugbetrieb Feld: Dieser Modus ist für schwerere Zugarbeiten mit einem Bodenbearbeitungsgerät gedacht, bei der man aber nicht die volle Motorleistung nutzen kann, da man durch die Art der Arbeit in seiner Geschwindigkeit limitiert ist. Die Drehzahl wird soweit reduziert, wie möglich ohne die Kraft und Geschwindigkeit zu beeinflussen.

Zugbetrieb Straße: In diesem Modus kann man den Handgashebel auf Vollgas stellen, da die Elektronik automatisch die Drehzahl wählt, die für den Beschleunigungsvorgang, bzw., die zu haltende Geschwindigkeit benötigt wird. Wenn man also beispeilsweise mit 2050 UPM bei 42km/h angekommen ist, wird diese nach und nach auf 1550 UPM reduziert was den Kraftstoffverbrauch um ein Fünftel reduziert und auch die Geräuschkulisse angenehmer gestaltet.

Wobei die Kabine sowieso sehr Ohrenfreundlich ist und nur wenn der Zusatzlüfter anspringt, was er tut , wenn die Hydrauliköltemp. Über 84°C steigt, es etwas lauter wird. Woher weiss er denn das alles so genau? Der John Deere hat einen super Boardcomputer, der einen mit fast allen nötigen Daten informiert. Und zwar kann man sich anzeigen lassen: Kühlwassertemperatur, Hydrauliköltemperatur, Hydrauliköldruck, zurückgelegte Strecke (von 0-10.000m), bearbeitete Fläche in ha (nach Eingabe der Arbeitsbreite, es wird nur „gezählt“, wenn das Hubwerk unten ist), momentane Arbeitsgeschwindigkeit in ha/h, Kraftstoffverbrauch in l/h, Kraftstoffverbrauch in l/ha, noch verfügbare Arbeitszeit bei momentanem Verbrauch und Kraftstoffvorrat, Auslastung des Motors, Arbeitsstunden, Geschwindigkeit, Zapfwellendrehzahl, Motordrehzahl,aktuelle Höhe des Hubwerks.



Zum ganz anschaun einfach hier drauf klicken!
http://georgoz.blogger.de/images/7930/


Bei solch einer Fülle an Informationen habe ich bestimmt was vergessen… Die Hubhöhe lässt sich übrigens in 150 Schritten genau einstellen und nach oben und unten limitieren. Auch lässt sich die Ölflussgeschwindigkeit der einzelnen Hydraulikanschlüsse reduzieren. Was ein klasse Mitarbeiter, der John! Weiterhin kann man den Sitz sehr unkompliziert jeweils um 45° nach links und rechts drehen, was den Rücken etwas entlastet, wenn man ständig nach hinten schauen muss. Das Bedienfeld ist an der rechten Armlehne befestigt, was ergonomisch sehr geschickt ist und dreht sich mit. Die Kipphebel für die Hydraulik und das Hubwerk lassen sich einfach durch Schieber abdecken, was unbeabsichtigtes Betätigen effektiv verhindert. Ich mag ihn echt gerne, den „seventy-nine“ !


Nachdem ich also viele, viele Meter Weg geebnet hatte, durfte ich mein Gerät ändern und zwar wurde der „rootcutter“ (Wurzelschneider) angehängt und ich bearbeitete Maisland nach.



Lieber die Finger da rauslassen!


Maiswurzel

Abgeschnitten

Immer schön schauen, dass nichts verstopft!


Da die Pflanzenreste, die nach der Ernte übrig bleiben, möglichst schnell verrotten sollen um ihre wertvollen Nährstoffe der nächsten Feldfrucht zu Verfügung zu stellen, werden sie so kleine wie möglich gemacht. Des Weiteren sollen sie nicht rumnerven und bei der späteren Bearbeitung irgendwelche Maschinen verstopfen!^^ Oberhalb der Erdoberfläche wird das mit dem Mulcher erledigt. Die Wurzeln erledigt der Rootcutter.

Bei der Baumwolle ist dieser Schritt übrigens doppelt wichtig, da diese sonst einfach weiter wachsen würde. Ich kümmerte mich also um viele, viele Hektar Maisland, bis ich am letzten Montag vom Regen gestoppt wurde. Da der Regen ziemlich ergiebig war, waren wir gezwungenermaßen in der großen Halle gefangen und mussten uns dort die Zeit vertreiben.

Als erstes baute ich mit Edward zusammen die Zinken der Lely-Kreiselegge ab, die ich noch gut aus dem Vorjahr kannte.



Das stellte sich jedoch als schwieriger heraus, als erwartet. Mit einem riesigen Inbusschlüssel bewaffnet machte ich mich frohen Mutes ans Werk und konnte mit Hilfe eines langen Rohrs sogar einige Zinken befreien. Ich hatte das Gefühl Arnold Schwarzenegger zu seinen besten Zeiten hätte die Schrauben mit aller Kraft angezogen…der Rost und einige Arbeitsstunden taten wohl ihr übriges, um mir Widerstand zu leisten. Irgendwann war ich mit meinem Schlosserlatein am Ende, da ich immer wieder aus dem Schraubenkopf abrutschte.

Edward entschied, ein Teil des Inbusschlüssels abzusägen und ihn auf eine Mutter zu schweißen um letztendlich mit dem großen Schlagschrauber angreifen zu können. Was leider auch nicht zum lösen der Schrauben führte, da der Schlagschrauber hier zwar aussieht wie 100PS stark, letztendlich aber ein furchtbarer Schwächling ist. Bob kam dann auf die Idee, mit dem Schlagschrauber erst rechts und dann linksherum drehen zu lassen, um das Gewinde etwas los zu rütteln(Schlagschrauber: rattle gun: Rüttelpistole), woraufhin ich dann nochmal meine Julius Röhrich Technik anwendete, was auch ganz gut funktionierte.

http://youtu.be/MdkplnX92Tw?t=1m28s


"Sabbel nicht, dat geit!!!"


Hatte ich einige hundert Newtonmeter Drehmoment auf die Schraube ausgebübt, lösten diese sich meist mit einem lauten Knacken und Knarzen. Daraufhin konnte Eddie die Schrauben dann fix mit dem Schlagschrauber lösen (es nervt mich gerade, dass es kein Synonym für „Schlagschrauber gibt^^). Leider waren drei schrauben extrem widerstandsfähig weshalb sie eine Spezialbehandlung benötigten. Diese beinhaltete Folgendes: „ Schraube aufschweißen, schraube abreißen, kürzere Schraube aufschweißen , bis es endlich ging. Letztendlich brauchten wir für die drei Zinken wahrscheinlich genau so viel Zeit, wie für den ganzen Rest….aber so ist ja öfters mal, nicht wahr, kleiner Husqvarnamotorrad- Kolbenbolzenclip?! ;) Ich bin zwar noch nicht am Ende, aber der Tag ist es bald und ich muss ins Bett!

Gute Nacht!

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